NL Rück, I, C-0570l

"Mein lieber Herr Marx!

Ich danke für Ihren letzten Brief und freue mich, dass Ihnen die Heringe gut schmeckten.

Ich [b]in inzwischen in mein Haus Jahnstr. 27, unter unsäglichen Schwierigkeiten und Nöten erbaut, seit vorgestern eingezogen mit Frl. Luise und wir sind froh, wieder im eigenen Heim zu sitzen.

Ihnen wünsche ich eine gesegnete Weihnacht und alles Liebe und Gute und viel Glück im neuen Jahre!

Seit kurzem ist Herr Scholz bei mir tätig, der einzige Schüler von Hartmann in Berlin. Er beendigte seine Tätigkeit bei Ammer, da die persönlichen Verhältnisse unerträglich wurden und ich bin froh, in ihm einen Mann zu haben, der ausser seiner beruflichen Tätigkeit als Techniker auch die Pflege meiner alten Instrumente durchführen kann. Sie wissen ja selbst, dass ich jahrelang nach einer solchen Kraft suchte. Käser, der freiwillig aus meinen Diensten schied, war ja dafür auch nicht der geeignete Mann und meine übrigen Herren haben auf diesem Spezialgebiet keinerlei Erfahrung, auch zu wenig Zeit, sich einzuarbeiten. Auch mir selbst mangelt die Zeit, mich eingehend zu beschäftigen, einen Herrn einzulernen, und so ergriff ich die Gelegenheit gerne, Herrn Scholz für mich zu verpflichten. Denn auf diese Weise können in erster Linie all die Schäden, die die Verlagerungen der Instrumente leider unweigerlich mit sich gebracht haben, nach und nach behoben werden. Dadurch, dass die Sammlung in Erlangen steht, ist diese Instandsetzung sowieso mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden und so war ich froh, in Herrn Scholz einen Mann zu finden, bei dem ich weiss, dass eine sachliche Rücksprache zwischen uns genügt, um das einzelne Instrument wieder auf die Höhe zu bringen.

Leider sind die Schwierigkeiten immer noch enorm, Sie auf einige Zeit nach Nürnberg zu bringen. Die Unterkunft wäre seit einigen Tagen wieder bei mir möglich. Aber ich fürchte, dass die Formalitäten der Ausreise immer noch ganz erhebliche sind und ich vermute, dass Sie, besonders im Winter, die Strapazen, die heute mit einer Fahrt von Leipzig nach Nürnberg verbunden sind, gerne meiden möchten. Denn der Grenzübergang ist immer eine langwierige Sache und durchgehende Schnellzüge verkehren ja nicht. Sollte aber doch die Möglichkeit und bei Ihnen Geneigtheit bestehen, dass Sie auf einige Wochen oder Monate nach Nürnberg kommen können und dieser von mir sehnlich geäusserte Wunsch auch Ihr Wunsch ist, so sind jetzt bei mir alle technischen Voraussetzungen für Ihren Besuch gegeben, d. h. Sie sind herzlich willkommen und ich kann Sie in meinem Hause unterbringen und selbstverständlich auch verpflegen.

Bitte sprechen Sie über diese Sache mit Herrn Scholz, der die Praxis des Grenzübergangs nunmehr aus eigener Erfahrung kennt und Ihnen gerne mit Rat und Tat beistehen wird. Auch Herrn Scholz wäre es natürlich von grossem Interesse und ein persönliches Vergnügen, wenn er mit Ihnen zusammen hier arbeiten könnte. Ich bin jederzeit gerne bereit, Sie bei mir für längere Zeit zu sehen.

Herr Scholz ist ein sehr aufgeschlossener Mann, der sehr viel Sinn für alte Instrumente, für die Praxis alter Musik hat, selbst neben Cembalo und Klavier auch Blockflöte spielt, immer bestrebt ist, sich auf diesem seinem ureigenen Spezialgebiet weiterzubilden. Ausserden eignet ihm ein hohes handwerkliches Können und durch die jahrelange Zusammenarbeit mit Hartmann hat er viel Praxis erworben. Andererseits gab ihm als technischem Leiter bei Ammer nach dem Tode der Gebrüder Ammer die dortige Tätigkeit Gelegenheit, auch selbst Kielinstrumente zu konstruieren. Er verehrt Sie persönlich sehr und die von Ihnen auf dem Gebiete der Restaurierung alter Musikinstrumente geleistete riesenhafte Lebensarbeit. Aus diesem Grunde allein schon begrüsst er geradezu brennend die Gelegenheit, mit Ihnen persönlich bekannt zu werden. Er interessiert sich für Ihre Werkzeuge, für Ihre Arbeitsmethoden, da er eben ein echter Kunsthandwerker ist in - - - im Gegensatz zu Leuten, die gerne in der Bibliothek sitzen und von handwerklicher Tätigkeit weniger wissen
wollen! Sie wissen ja, was ich damit ausdrücken will.

Ich bitte Sie, Herrn Scholz zu empfangen. Sie können sich ruhig mit ihm über alle Probleme aussprechen, denn er ist ein untadeliger, sehr fairer Charakter, ein erstklassiger Arbeiter und auch persönlich ein sehr lieber Mensch.

Ich brauche nicht besonders zu betonen bei unserer beider jahrzehntelangen Freundschaft und jahrzehntelangen rührenden Zusammenarbeit, dass selbstverständlich das Engagement des Herrn Scholz auf Ihren Arbeitsbereich für mich keinen Einfluss hat: wir zwei bleiben nach wie vor die Alten und die Gleichen und Ihre Tätigkeit soll selbstverständlich wie bisher ungehindert weiterlaufen. Ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie mir trotz Ihres vorgerückten Alters immer noch in solch rührender Weise beistehen und helfen und um diese Ihre Hilfe bitte ich Sie auch weiterhin!

Mit Dank vernahm ich die Kunde, dass Herr Gruber beabsichtigt, den Transport der Instrumente mit der ATEGE zu besprechen und wenn irgend möglich in die Wege zu leiten. Ich bin Ihnen sehr dankbar und bitte Sie, Herrn Gruber einstweilen meinen herzlichsten Dank zu übermitteln.
Inzwischen überbringt Ihnen Herr Scholz meine und Luisens allerbeste Grüsse und damit verbleibe ich wie immer in alter Verbundenheit // Ihr getreuer, auch nicht mehr ganz junger".

Absender/Urheber Person
Empfänger Person
Datum
1948,12,22
Schreibort
Nürnberg