NL Rück, I, C-0444d

(Vgl. auch den zweiten Brief gleichen Datums.)

"Sehr geehrter Herr Dr. Rück,

Es ist ein wichtiger Brief, den ich Ihnen heute schreibe! Wie Ihnen ja genügend bekannt ist, habe ich mich seit der Auflösung des Heyer-Museums im Jahre 1926 nur noch im 'freien Beruf' als Musikhistoriker betätigt. Infolge der nun schon so lange andauernden misslichen Zeitverhältnisse, deren Ungunst auf meinen Fachgebieten doppelt und dreifach zu verspüren ist, sind meine Verdienstmöglichkeiten in den letzten zwei Jahren immer geringer geworden, und ich stehe daher jetzt vor der zwingenden Notwendigkeit, mir irgend einen Wirkungskreis zu suchen, der mir ein wenn auch bescheidenes, so doch halbwegs gesichertes Auskommen gewährt. Die hierbei in Betracht kommenden Möglichkeiten sind leider nur sehr begrenzt - und so ist mir denn auf Grund unserer mehrjährigen guten Beziehungen der (Sie vielleicht überraschende) Gedanke gekommen, ob Sie [letztes Wort gesperrt] mir nicht hierzu verhelfen könnten und mir den Posten eines ständigen Betreuers und Beraters in Ihrer schönen musikhistorischen Sammlung [Sammlung Rück] übertragen wollten!

Dass ich in jeder Weise die für eine derartige Stellung benötigten Kentnisse, Erfahrungen und Verbindungen besitze, wissen Sie ja ohnehin. Durch von mir übernommene regelmässige Führungen, Vorträge, Aufsätze und kleine Konzerte mit Benutzung der alten Instrumente würde Ihr jetzt doch schon sehr reichhaltiges Museum erst das rechte Leben bekommen, und das käme wiederum Ihrer Firma [Pianohaus Rück] und dem Klaviergeschäft zu gute, so dass sich zu dem ideellen auch ein wirtschaftlicher Erfolg gesellte! Nach der geschäftlichen Seite liesse sich die Sache auch so ausbauen, dass man dem Museum eine ständige Verkaufsabteilung (mit Doubletten und Neuerwerbungen) angliedern und versuchen könnte, hier eine Art Zentralstelle für den An- und Verkauf historischer Instrumente für ganz Deutschland und vielleicht auch für das Ausland zu schaffen, wie sie bisher noch nicht besteht. - Eine weitere Erörterung der Einzelheiten dieses sicher nicht aussichtslosen Planes möchte ich mir für später aufsparen und nur darauf hinweisen, dass ich zu Ihrer finanziellen Entlastung auch die geschäftliche Seite der Angelegenheit gebührend zu berücksichtigen gedenke.

Selbstverständlich würde ich auch meine gesamte Fachbücherei und mein sonstiges umfangreiches Arbeits- und Nachschlagematerial dem Museum unumschränkt zur Verfügung stellen. Meine Honoraransprüche wären nur bescheiden (etwa 400 Mark netto monatlich), da mir einstweilen nur daran liegt, mir das wirtschaftliche Existenzminimum zu sichern. Auch glaube ich, dass die Wohn- und Lebensverhältnisse in Nürnberg billiger als hier in der rheinischen Metropole sein werden. In Anbetracht der Beruhigung der innen- und aussenpolitischen Lage wird ja hoffentlich zum Herbst mit einem spürbaren Aufschwung der wirtschaftlichen Lage gerechnet werden können.

Wie Sie meinem Vorschlag aufnehmen werden, weiss ich nicht - aber ich bitte Sie, die Einzelheiten mit Ihrem Bruder [Hans Rück] in Ruhe zu überlegen und mir recht bald einen frdl. Bescheid zukommen zu lassen. Evtl. wäre ich auch gern bereit, zu mündlicher Rücksprache auf ein bis zwei Tage nach Nürnberg zu kommen, falls mein Angebot irgendwie Aussicht auf Verwirklichung hätte.

Mit besten Grüssen auch an Ihren w. Herrn Bruder // Ihr sehr ergebener // [handschriftlich] Dr. G. Kinsky"

Absender/Urheber Person
Empfänger Person
Datum
1933,06,08
Schreibort
Köln
erwähnte Personen
erwähnte Institutionen
erwähnt im Zusammenhang
Kontaktinstitution
erwähnt im Zusammenhang
Arbeitsplatz
erwähnte Ereignisse
Typ des Ereignisses
Geschäft
Involvierte Person
Nürnberg
Köln
1933,06