NL Rück, I, C-0873h

"Abschrift

Erlangen, 27. 5. 34

Lieber Herr Dr. Rück!

hier eine Abschrift dessen, was Pohls Haydnbiographie [Pohl 1875] über Anton Walter bringt. Ihr Instrument gehört gewiss zu den besten, die Walter gemacht hat und denen er seinen Ruf verdankt. Dass es nicht leicht zu traktieren ist, damit hat Haydn schon recht, es ist eben kein Dameninstrument, sondern ein Mozartinstrument gewesen, wie ja auch die Dorothea von Kurland keine gewöhnliche Dame gewesen ist. Das Buch von Schönfeld [Schönfeld 1796] habe ich mir bestellt, hoffentlich ist es zu kriegen. Da wird hoffentlich eine nähere Charakteristik der Walterschen und der Schanzschen Instrumente drin sein. Wir scheint, dass Schanz sozusagen der Blüthner, Walter aber der Steinway des damaligen Wien gewesen ist.

Auf Wiedersehen auf der Kerwa! // Ihr // Rudolf Steglich, m.p.

 

Beilage hiezu: C.F. Pohl, Joseph Haydn, 2. Bd., S. 157:

'Fast gleichzeitig mit dem Aufschwung des Musikalienhandels und der Notenstecherei datiert auch die Hebung der Clavier-Fabrikation in Wien, die schon gegen Ende des Jahrhunderts sich rasch entwickelte. Als die ersten Männer von Bedeutung sind zu Anfang der 80er Jahre Anton Walter und der schon früher erwähnte Joh. Schanz zu nennen; ersterer bevorzugte Mozart, letzterer Haydn. Walter war vermutlich ein Wiener K[i]nd (ein Franz Walter, k.k. Hof-Orgelbauer, starb 1733, 77 Jahre alt, Anton starb 1826, 11. April, 75 Jahre alt (Totenprotokoll)), Schanz war aus Böhmen gebürtig. Den reichtönigen Instrumenten von Walter gegenüber zeichneten sich die Schanzschen durch sanften Charakter aus (vgl. Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, s. 129 f. [Hanslick 1869]; Schönfeld, Jahrbuch der Tonkunst für Wien und Prag, 1796, S. 88 f.) Haydn schreibt 1790 an Frau von Genzinger: 'Gewiss ist's, dass Herr Walter mein Freund dermalen sehr berühmt ist, und ich von diesem Manne alle Jahre sehr viel Höflichkeit empfangen, aber unter uns und recht aufrichtig, unter zehn ist bisweilen ein einziges so man mit Recht gut nennen kann, nebstdem ist er ausserordentlich theuer. Ich kenne das Fortepiano des Herrn von Nickl, es ist vortrefflich, aber für die Hand Euer Gnaden ist es zu schwer, man kann nicht alles mit gehöriger Delicatess spielen.'"

 

"Abschrift

Auszug aus 'Instrument und Orgelmacher'

(Joh. Ferd. v. Schönfeld, Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag. 1796. // Im von Schönfeldischen Verlag. S. 87)

Wir wollen hier etwas von den Künstlern anführen, welchen wir unsere guten Fortepiano zu verdanken haben. Obgleich sie auch die Schöpfer der Orgel sind, so erwähnen wir ihrer nur in Bezug auf das allgemein notwendigere Fortepiano.

Derjenige Künstler, der sich bisher am berühmtesten gemacht hat und der gleichsam der erste Schöpfer dieses Instruments bei uns ist, ist Herr Walter, wohnhaft an der Wien, im Fokanetischen Hause, im hinterm Hof. Seine Fortepiano haben einen vollen Glockenton, deutlichen Anspruch und einen starken, vollen Bass. Anfänglich sind die Töne etwas stumpf, wenn man aber eine Zeitlang darauf spielet, wird besonders der Diskant sehr klar. Wird aber sehr viel darauf gespielet, so wird der Ton bald scharf und eisenartig, welches jedoch durch frisches Beledern der Hämmer wieder zu verbessern ist.

Der zweite berufene Meister ist Herr Schanz, wohnhaft an der Wien, oberhalb der k. Heumagazine, beim Ochsen hinten im Hofe. - Der Ton seiner Instrumente ist nicht so stark als jener der Walterschen, aber eben so deutlich und meistens angenehmer, auch sind sie leichter zu traktieren, indem die Tasten nicht so tief fallen, auch nicht so breit sind wie jene.

Der dritte grosse Meister oder vielmehr Meisterin ist Madame Streicherinn, in der roten Rose auf der Landstrasse. Sie ist die Tochter des berühmten Instrumentenmachers Stein von Augsburg und heiratete nach dem Tode des Vaters den sehr geschickten Musikmeister und Kompositeur Streicher von München, nahm ihren ältesten Bruder zu sich und liess sich in Wien nieder. Ihre Instrumente haben nicht die Stärke der Walterschen, aber an Ebenmass der Töne, Reinheit, Schwebung, Anmuth und Sanftheit, sind sie unerreichbar, Die Töne sind nicht anstossend, sondern schmelzend, das Traktament erfordert eine leichte Hand, elastischen Fingerdruck und ein fühlbares Herz."

Absender/Urheber Person
Empfänger Person
Datum
1934,05,27
Schreibort
Erlangen
erwähnte Institutionen
erwähnt im Zusammenhang
Vergleichsobjekt(e)
erwähnt im Zusammenhang
Vergleichsobjekt(e)
Literaturreferenz
Schönfeld 1796
Pohl 1875
Hanslick 1869